Dienstag, 7. Februar 2017

Gespräche mit meinem Kind: Mama, kennst Du Hitler?

Meine Kinder reden viel und gerne. Die Buchstaben sprudeln aus ihnen heraus- von morgens bis abends- ja und sogar im Schlaf können sie noch reden.
Der Löwenjunge beginnt kurz nach dem der Wecker geklingelt hat. Das Winterkind kommt da wohl nach mir, er braucht da morgens noch ein bisschen länger.

Zugegeben, manchmal schwirrt mir der Kopf. Vor allem wenn beide gleichzeitig und durcheinander reden. Wenn der Tag lang war und einfach zu viele Buchstaben hatte. Aber meistens macht es mich glücklich, ja sogar stolz, dass in unserer Familie so viel geredet wird.

Manche Gespräche sind vielleicht belanglos, es wird geschimpft, gelästert und leider auch viel zu viel geflucht. (Schulhof sei Dank, "Alter!" ) Aber HIER wird geredet.

Vor allem der Löwenjunge erzählt mir gerne von seinem Tag. Ich muss ihn selten ausfragen, denn meistens sprudelt es von ganz alleine, spätestens am Essenstisch, aus ihm raus.
Falls der Tag nicht viel Zeit für Gespräche übrig hatte, oder irgendwas noch auf der Seele lastet, dann erzählt er es mit meistens noch beim kuscheln. Ich liebe diese Gespräche mit ihm! Da liege ich dann neben ihm und höre einfach nur zu. Wenn der Schuh drückt und er Rat sucht, erzähle ich, wie ich darüber denke, was meine Meinung ist. Manchmal beginne ich auch das Gespräch. Denn dann ist er ganz bei mir. Jetzt kann ich viel besser sagen, was ich heute nicht so gut fand, wo ich mich vielleicht geärgert habe. Dieser Zeitpunkt ist meist hundert mal besser, als am Tag, in der Situation, wo jeder vielleicht nur wütend den anderen anschreit.

Auch über Gefühle rede ich mit meinen Kindern. Wenn ich traurig bin, weil jemand krank geworden oder gestorben ist. Weil ich mich geärgert habe, ja auch wenn ich mich über mich selber ärgere und Fehler mache.

Manchmal bin ich wirklich überrascht über die Gedanken meiner Kinder! Wenn man so zur Ruhe kommt und plötzlich erzählen sie mir, was sie so erlebt haben oder was sie beschäftigt. Es ist gut zu wissen, dass sie sich mir anvertrauen.

Nun ist mein Großer im Sommer 7 Jahre alt geworden, geht in die 2. Klasse und die Gespräche nehmen ganz andere Dimensionen an.

Einmal hat mir mein Löwenjunge erzählt, dass ein Mädchen aus der Schule ganz traurig war. Ihre Oma war wohl sehr krank gewesen und hatte so schlimme Schmerzen, dass sie aus dem Fenster sprang.
Ab da wußte ich, dass die "Heile-Welt-Zeit" vorbei war. 
An diesem Abend haben wir sehr lange geredet. Über den Tod von meiner Mutter, darüber, dass man manchmal zuerst keinen Ausweg sieht, sich das aber im nächsten Moment auch ändern kann. Ich bin sehr froh, dass er mir davon erzählt hat. Nicht auszudenken, was er sich sonst noch so in seinem kleinen Kopf zurecht gedacht hätte.

Völlig überrumpelt wurde ich dann gestern Abend im Bad. Wir wollten gerade Zähne putzen, als mich mein Sohn fragte: "Mama, kennst Du Hitler?" 

"Wo hast Du denn den Namen her?" wollte ich wissen, weil mir im ersten Moment auch gar nichts anderes eingefallen war. Erst mal rantasten, was da noch so kommt!

"Von L. Er hat gesagt, der Hitler ist eine Pupskanone!"

Das Winterkind kringelte sich vor Lachen: "Hitler ist ne Pupskanone, Pupskanone, Pupskanone!"

Irgendwie konnte ich die zwei beruhigen und bat meinen großen Sohn, sich mit der Antwort bis morgen zu gedulden. 

"Dieser Hitler lebt gar nicht mehr. Aber ich möchte jetzt auch vor Deinem kleinen Bruder gar nicht mehr über ihn reden, okay?"

Als die beiden dann im Bett lagen, musste ich noch immer an diese Frage, ob ich Hitler kenne, denken.
Wann hatte ich zum ersten Mal von ihm gehört? Sicher nicht mit 7 Jahren. 
Ich kenne L., von dem mein Löwenjunge das hatte und seine Eltern, sie gehen in  eine Klasse, sind befreundet und ich verstehe mich auch mit seiner Mutter total gut. Keine Ahnung wo er das aufgeschnappt hat. Ob ich sie mal fragen soll?

Versteht mich nicht falsch, ich finde nicht, dass man über Hitler nicht reden darf. Es ist wichtig, dass auch kommende Generationen unsere Geschichte kennen. Pupskanone darf man ihn meinetwegen auch nennen. Aber muss ein 7-Jähriger Junge im Jahr 2016 schon wissen, wer das war? Sie werden viel zu schnell groß, keine Frage. Aber geht nicht noch ein klein wenig heile Welt? Noch ein bisschen mehr Benjamin Blümchen, wo wenigstens am Ende immer wieder alles gut wird? 

Stattdessen kommt mein Sohn aus der Schule und ich muss ihm allein in dieser Woche was über Killer Clowns (auch das hatte er übrigens von L.) und Hitler erzählen.

Heute morgen hatte es mein Löwenjunge übrigens noch nicht vergessen. Der kleine Bruder war noch im Bett und wir waren am Frühstückstisch. 

"Dieser Hitler hat vor langer Zeit gelebt. Zu der Zeit, als Deine Oma noch ein kleines Mädchen war. Er war aber ein ziemlich böser Mann und war am 2. Weltkrieg schuld. Mehr brauchst Du heute noch gar nicht wissen, denn das lernst Du alles noch in der Schule. Du solltest aber nie Witze über andere machen oder Ausdrücke nachsagen, wenn Du nicht weißt, was das bedeutet oder wer das war, okay?"

Das reichte meinem Löwenjungen als Antwort und ich hoffe, das Thema Pupskanone ist für's Erste erledigt. Denn wie immer, bin ich mal wiede noch gar nicht soweit...


Gros Bisus
Eure Tanja 












Kommentare:

  1. Da stimme ich Dir total zu. Ich finde es auch sehr wichtig, dass Kinder Bescheid über unsere Geschichte wissen. Ich arbeite selbst in einem relevanten Bereich und werde, wenn die Zeit kommt, die Fakten auf den Tisch legen. Aber ich denke nicht, dass Kinder mit 7 Jahren schon viel darüber wissen müssen. Sie werden viel zu früh mit viel zu vielen Informationen überschüttet, die sie gar nicht einordnen können. Ich beantworte ähnliche Fragen auch immer kindgerecht und sehr sparsam und mich schüttelt es regelmäßig, wenn andere Eltern oder Großeltern Dinge erzählen, die man noch lange zurückhalten könnte.
    Liebe Grüße!

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    1. Danke meine Liebe!
      Es ist schon erstaunlich, was die Kinder eben auch so alles mitbekommen. Ein bisschen heile Welt verlängern kann eigentlich nicht schaden.
      Lieben Gruß
      Tanja

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  2. Liebe Tanja,
    ich finde deine Antwort gut und vor allem gefällt mir, dass du dir Zeit für die Antwort erbeten hast. Das mache ich auch manchmal und bin immer wieder erstaunt, dass mein Vierjähriger sich schon darauf erlassen kann.
    Ich kann gut verstehen, dass du noch nicht soweit bist, die heile Welt darf ruhig noch etwas bleiben.
    Alles Liebe
    Sternie

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    1. Danke Sternie für Deine Worte.
      Ich glaube, sie lassen sich drauf ein, weil sie eben wissen, dass wir unser Wort auch halten und sie sich drauf verlassen können, dass wir es dann auch "nachliefern". Die Ehrlichkeit spüren sie wahrscheinlich und so ist es in dem Moment auch ok für sie. Ich bin aber selbst auch immer wieder erstaunt, dass er dann nicht weiter bohrt sondern es tatsächlich erst mal auf sich beruhen lässt.
      Schon irgendwie cool, unsere Kleinen, oder?
      Lieben Gruß
      Tanja

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  3. Hallo Tanja,

    eine ähnlich Frage stellte uns vor ein paar Monaten auch unsere Tochter, nun 7 Jahre alt. Sie hat das Wort im Zusammenhang mit der Flüchtlingsthematik in der Tageszeitung gelesen, die auf dem Küchentisch lag und ein Bild gesehen und wollte dann wissen wer es war. wir haben es ihr ähnlich erklärt, aber sie fragte immer weiter nach. Denn sie zog dann den Bogen zur Flüchtlingsthematik: Was der denn damit zu tun? Wir haben ihr dann gesagt, dass früher aufgrund des zweiten Weltkrieges auch viele Menschen flüchten mussten und sie froh waren, wenn sie Hilfe bekommen haben. Dann war sie zufrieden.
    Sie hat immer die Ohren und Augen auf, was ja auch gut ist. So bekommt sie aber oft mehr mit als uns schon lieb ist.

    Liebe Grüße
    Maria

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    1. Liebe Maria,

      danke für Deine Nachricht!
      Es ist für mich oft überraschend, was für Gedanken sich manche Kinder in dem Alter schon machen, unsere zählen da sicherlich dazu. Stimmt, seit das Lesen dazu gekommen ist, kann man vieles nicht mehr verstecken. Aber vermutlich sind Kinder, die weiter denken und nachbohren einfach auch schon so weit, dass man diese Themen behutsam anschneiden sollte. Irgendwie muss ich mich damit nur auch erst abfinden, dass sie keine "Baby's" mehr sind und nicht mehr an sprechende Elefanten glauben...

      Herzliche Grüße
      Tanja

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