Dienstag, 7. Juni 2016

Gestern kam mein Schulkind nicht nach Hause. 45 Minuten Mama-Hölle Deluxe

Im Warten bin ich nicht gut. War ich noch nie und es ist auch nicht gerade besser geworden, seit ich Mutter bin.
Als vor rund einem Jahr der Informationsabend für Erstklässler-Eltern war, bekam ich innerlich schon Schnappatmung. Da war mein Löwenjunge noch zarte 5 Jahre alt und brachte mir bunte Bilder aus dem Kindergarten nach Hause.


Üben Sie den Schulweg!

"Es wäre schön, wenn die Kinder selbstständig zur Schule kommen und nicht von den Eltern bis vor die Türe kutschiert werden. Üben Sie gemeinsam den Schulweg. Zu Fuß oder mit dem Roller. Dann haben die Kinder schon gleich ein bisschen frische Luft und sich ordentlich bewegt."

Schluck. 3,8 Kilometer alleine zur Schule. Niemand der sagt: "Da kommt ein Auto!" Traue ich ihm das zu? Bis dato habe ich mich ja jeden Morgen zur Schule fahren sehen. Zumindest in der 1. Klasse.

Mein Sohn kannte noch niemanden von der neuen Schule. Wir waren im April ja erst hier her gezogen und das andere Vorschulkind aus seiner Gruppe war nicht in seiner Klasse und hatte einen ganz anderen Schulweg.
So richtig klein ist unser Wohnort nun auch wieder nicht. Gut, keine Großstadt, aber es gibt auch in unserer Stadt genügend Deppen, die sich nicht an die Geschwindigkeitsbegrenzungen rund um den Schulweg halten. War der Schulweg sicher genug für einen bis dahin 6-Jährigen Erstklässler?

Da ich meine Jungs aber, von klein auf, sehr in ihrer Selbstständigkeit unterstützt habe und mir die Bewegung an der frischen Luft (gerade für meinen aktiven Löwenjungen) als sehr einleuchtend vorkam, quatschte ich einfach andere Eltern an, wo denn ihre Kinder so wohnen und welchen Schulweg sie nehmen würden. Es gab tatsächlich einige Kinder die - juhuuu - sogar noch größere Geschwister hatten, die mit auf dem Schulweg dabei sein würden.

Loslassen

Muss man seine Kinder ja auch jeden Tag ein Stückchen mehr. Aber das fällt mir als Mutter fast genau so schwer wie das Warten. Aber ich tue es natürlich, denn ich vertraue ihnen.

Zum Geburtstag gab es dann einen Roller für den Löwenjungen und wir übten den Schulweg. Hätte ich es ihm nicht zugetraut, dann hätte ich ihn wohl auch noch nicht alleine losgeschickt. Aber er war stolz auf sich selbst und machte seine Sache gut.

Der 1. Schultag kam und am 2. Tag schon wollte mein Löwenjunge mit den anderen rollern. Nie werde ich vergessen, wie ich ab 12:15 Uhr nervös auf die Uhr schaute. 20 Minuten schätzte ich in etwa, je nachdem wie schnell sie an der Schule loskamen, was es noch zu ratschen und zu gucken gab.
In der ersten Zeit sind immer noch Mütter oder Väter mitgefahren und haben die Kinder begleitet. Das beruhigte ungemein. Mittlerweile weiß ich in etwa, dass mein Sohn gut eine halbe Stunde braucht, weil er es gemütlich mag und unterwegs noch vielen Menschen "Guten Tag" sagen muss.

Gestern kam er nicht nach Hause.

Nicht nach 30 Minuten, nicht nach 40 Minuten und nach 50 Minuten wurde es mir komisch.
Mein Papa war schon da, weil er Montags immer zum Mittagessen kommt und danach den Löwenjungen zum Trommelkurs fährt.
Er setzt sich in´s Auto und fährt den Schulweg ab, kommt nach 10 Minuten aber ohne ihn wieder. Nichts. Nur eine Absperrung der Feuerwehr. Haha nicht gerade beruhigend. Polizei fährt mit Blaulicht vorbei und mir wird es schlecht. Richtig schlecht. Kopfkino.

Zwischenzeitlich habe ich bei seiner Freundin angerufen, ob er mit zu ihr ist. Sie sagt, er ist heute mit E. heimgerollert. Ich rufe also bei E an. Seine Mutter sagt, E. sei schon über eine halbe Stunde daheim, er ist mit dem Löwenjungen heimgerollert, bis er abbiegen muss in sein Wohngebiet. Jetzt wird mir endgültig anders. Eine halbe Stunde schon daheim? Von E. sind es keine 5 Minuten zu uns...

Unfall? Zu jemandem in´s Auto gestiegen?

Um gegen diese blöden Gedanken anzukämpfen, setze ich mich in´s Auto. "Ist sicher alles gut, Du kannst ihm vertrauen. Aber wenn es gar nicht mal seine Schuld ist? Warum ist Feuerwehr und Polizei hier? Scheiße."

Mir ist hundeelend und ich fahre in Richtung Schule. Als ich um die Kurve fahre, kommt mir mein Löwenjunge freudestrahlend entgegen. "Hallo Mama!"

Ich steige aus. Muss heulen. Umarme ihn aber es sprudelt aus mir heraus: "Wo um alles in der Welt warst Du denn so lange? Hast Du eine Ahnung, was für Sorgen ich mir gemacht habe? Es ist halb 2 und um 12:15 Uhr war die Schule aus!"
Der Löwenjunge weint.
"Aber ich war doch nur ganz kurz bei M., Mama!"

Ich drücke ihn, weil ich einfach nur froh bin. Ein riesengroßer Klumpen fällt von meinem Herzen. Dann erzähle ich ihm, dass ich mich einfach so gesorgt habe um ihn, weil er nicht kam. Dass ich Angst hatte, dass ihm was passiert sei, weil sein Freund schon so lange daheim war.

Doch er hat eine ganz einfache Erklärung:

"Weißt Du, M. hatte so dolle Bauchschmerzen, dass ihre Mama sie heute abholen musste. Als ich an ihrem Haus vorbei gekommen bin, wollte ich nur schauen, wie es ihr geht und ihr sagen, was wir für Hausaufgaben aufhaben. Ich dachte, das waren nur 10 Minuten, Mama!"

Für mich waren es gestern 45 Minuten, die sich 1000 mal länger anfühlten.
Danach war ich stolz auf ihn, dass er besorgt nach seiner Schulfreundin gesehen hatte. Anscheinend habe ich ja doch nicht alles falsch gemacht.

Zum Abschied heute morgen meinte er dann: "Und keine Angst, ich geh mit niemandem mit, nicht mal für Gummibärchen."

Auf der Welt passiert einfach zu viel, als dass man sich nicht doch immer die schlimmsten Sachen vorstellen würde. Manchmal wäre ich doch lieber eine Gluckenmutter, die ihre Kinder bis zur Schultüre begleitet. Aber das würde wohl nicht zu mir und meinen Kindern passen.

Mal sehen, wie lange er mich heute warten lässt.


Bisous,
Eure Tanja

Kommentare:

  1. Ach Gott, mir lief es eiskalt den Rücken runter und ich hatte Gänsehaut beim Lesen. ich krieg auch Panik und fürchterliches Kopfkino, wenn mein Sohn sich verspätet.
    Aber an der Stelle, wo dein Sohn sich um die kranke Freundin sorgte, kamen mir die Tränen. Einen tollen Jungen hast du.
    Ganz liebe Grüße, Heike

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    1. Danke liebe Heike!
      Ja, das Kopfkino ist bei allem Vertrauen einfach das Schlimmste daran.
      Bisous
      Tanja

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  2. Oh Gott, ich wäre wirklich 1000 Tode gestorben.
    Mir wird schon schlecht bei dem Gedanken, dass die Perle eines Tages das Haus alleine verlassen will. Klar, Selbstständigkeit ist wichtig, aber sie sind doch noch so klein...ich find es jedenfalls klasse, dass du ihm erlaubst diese Erfahrung zu machen und hoffe, dass dir in Zukunft solche Schreckensmomente erspart bleiben.

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    1. Danke meine Liebe.
      Ja, das war schon ein unbeschreiblicher Schreckmoment gestern und macht das jetzt auch nicht mehr leichter. Das Unbefangene ist erst mal dahin. Aber man muss sie halt doch auch immer ein Stückchen loslassen, auch wenn wir sie am Liebsten 24 Stunden am Tag beschützen möchten.
      Lieben Gruß
      Tanja

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  3. Wow! Ich glaube ich kann ein bisschen nachvollziehen wie du dich gefühlt hast. So wohl in der einen, aber auch in der anderen Richtung. Da muss/will man mit dem Kind schimpfen bzw. es erklären und dann rechtfertigt sich das Kind in einer so erwachsenen und nachvollziehbaren Weise, dass man einfach nur noch baff ist!

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    1. Das stimmt. Am Ende war ich nicht mal sauer, nur glücklich und erleichtert. Ja und baff auch. <3
      Lieben Gruß
      Tanja

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  4. Ich habe das Ganze ja schon auf Twitter verfolgt. Aber es ist nochmal ergreifend, es hier im Ganzen zu lesen. Einerseits deine Emotionen und andererseits das wunderschöne Ende. Da kann man doch nicht böse sein ;-)
    Also lieben Gruß, Wiebke

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    1. Danke liebe Wiebke.
      Das stimmt, da kann man wirklich nicht böse sein, seine Antwort hat mir eh gleich den Wind aus den Segeln genommen und ich war ja einfach nur froh, dass nichts passiert ist.

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  5. Ach Du heilige Sch... Ich hab grad so doll mitgefühlt beim Lesen! Der absolute Horror. :(

    Und dann zu erkennen, WIE toll Dein Sohn ist, was für ein tolles, empathisches Kind Du da hast. So schön, Du kannst so stolz auf ihn sein. <3

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    1. Lieben Dank! Ja, er macht mich wirklich stolz mit seiner Art. <3

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  6. Ich kann das nachvollziehen. Habe meinen damals 4jährigen Sohn bei einer Outdoor Veranstaltung 3 Minuten gesucht. In diesem Menschenauflauf! Da geht dir echt die Düse. Zum Glück gab es ein sogenanntes "Rettungsteam", die vermisste Kids anhand eines Fotos suchen. Die jungen Leute haben ihn dann binnen 5 Minuten gefunden.
    Die Sache mit der Schule steht mir noch bevor. Mein Sohnemann ist in der 1. Klasse und wird brav von uns Eltern zur Schule gefahren. Das soll sich bald ändern, spätestens in der 2. Klasse. Da gehen mir auch schon die wildesten Gedanken durch den Kopf.
    Wir Eltern müssen einfach besser loslassen können! :)

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    1. Wenn das Loslassen mal so einfach wäre, was?
      Puh, bei großen Menschenansammlungen hab ich auch immer Panik, vor allem den Kleinen (3) zu verlieren. Der ist so schnell, einmal umgedreht schön findet man ihn nicht mehr. Viel Glück beim Loslassen in der 2. Klasse. Ich fühle mit!
      LG
      Tanja

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  7. Ich hab eure Geschichte (und den guten Ausgang) gestern Abend auf Twitter gelesen und musste da schon schlucken. Diese Hilflosigkeit ist das Schlimmste, glaube ich. Wenn alles anrufen und Wege abfahren kein Ergebnis bringt und man nur warten kann....Horror!
    Aber ein feiner Zug von ihm, dass er nach dem Mädchen geschaut hat!! Ich drück dich!

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  8. Gut, dass er wohlbehalten nach Hause gekommen ist. Eine Horrorvorstellung! Da denkt man ja doch an das Handy zum Orten, oder?
    Noch kann ich mir gar nicht vorstellen, dass meine Tochter irgendwo alleine hingeht. Aber natürlich muss das ja kommen. Ich selbst bin früh alleine durch unseren Ort gelaufen, sogar über die Hauptstraße (mit Ampel) bis zum Kindergarten. Da war ich 3. Das kann ich mir für meine Kids nicht vorstellen. Scheint aber auch kein Bedürfnis zu sein. Puh!
    Ich drück Dich!!

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    1. Ein Handy wollte ich nie für mein Grundschulkind haben. Aber am Montag hatte ich mir gewünscht er hätte eins!!! :)
      Dieses Bedürfnis, Du wirst sehen, kommt ganz plötzlich und völlig überraschend.... <3

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