Dienstag, 1. September 2015

#MeinBriefanMich: Alles wird gut!

Wir schreiben das Jahr 2009 und es ist ein heißer Sommertag Ende Juli. Das vergangene Wochenende haben wir zum letzten Mal zu Zweit und als "Noch-Nicht-Eltern" in unserer Heimat verbracht, knapp 600 Kilometer von dem Ort entfernt, an dem in etwa 2 Wochen mein Löwenjunge zur Welt kommen sollte.
Es ging mir wunderbar an diesem Tag, mein Mann ging zur Arbeit und ich spazierte stolz mit meinem kugelrunden Bauch zu der Frauenarztpraxis wo ich nochmal einen ganz normalen Termin hatte, schon mal die nötigen Papiere bekommen sollte, dass alles parat wäre, wenn es dann nun irgendwann mal losgehen sollte. 
Vielleicht eine Wassergeburt oder doch ganz normal? Die Klinik war gut und hielt für uns alle Optionen offen. Ich freute mich, doch noch war alles ruhig. Der Löwenjunge war (und ist es bis heute geblieben) ein sehr aufgewecktes und wildes Kerlchen und seine Bewegungen konnte man nicht nur fühlen, sondern auch ganz deutlich an meinem Bauch sehen. Noch schien er sich sehr wohl zu fühlen, da wo er war.

Ich sitze also unbeschwert in dieser Frauenarztpraxis und warte bis ich dran komme. Hinter mir liegen aufregende Schwangerschaftsmonate, in denen ich sehr oft große Angst hatte, dass wir es überhaupt soweit schaffen werden. Zu oft hatte ich Angst, dass auch mein Löwenjunge, auf den wir so lange gewartet hatten, zu einem zweiten Sternchen werden würde. Doch mit jedem Tag in Richtung Geburtstermin wurde diese Angst ein bisschen kleiner und das Glück größer und greifbarer. 

Eigentlich wollte ich an diesem Sommertag nach dem Arzttermin nochmal meine Kollegen im Reisebüro besuchen und das Kinderzimmer fertig bekommen. 
In Gedanken war ich auch bei meiner Mama, die heute eine Operation in der Heimat hatte. 

Doch wie das Leben eben immer so spielt, kam alles ganz anders und es wäre schön gewesen, wenn jetzt an dieser Stelle, wie ich so wartend in der Praxis sitze, die Arzthelferin mir noch diesen Brief an mich in die Hand gedrückt hätte:


Liebe Tanja,
lehne Dich zurück und lies meine Zeilen, vielleicht geben Sie Dir ein wenig Mut in den kommenden Stunden, Tagen und Jahren.
Denn wie auch alles kommt, so hat es ja vielleicht auch einen Sinn und am Ende wird doch alles gut, das kann ich Dir hier und jetzt versprechen.
Du wirst nicht mehr lange auf den Geburtstag Deines Löwenjungens warten müssen, denn in weniger als 24 Stunden wirst Du ihn endlich bei Dir haben. Ganz anders als Du Dir das vielleicht gewünscht und erträumt hast, aber dennoch gesund und munter.

Die Ärztin wird Dir jetzt gleich sagen, dass Dein Kind vermutlich fast 5000 Gramm wiegen wird und sie Dich vorsichtshalber doch schon gleich mal ins Krankenhaus schicken möchte, da sie Angst hat, dass die Geburt eines so großen Kindes vielleicht für Dich zu schwer werden könnte.

Dann geht alles sehr schnell. Du rufst Deinen Mann an, der sofort von der Arbeit kommt und mit Dir und der Kliniktasche gleich mal in´s Krankenhaus fährt. Dort wirst Du nochmal untersucht und auch da berechnen sie gut 4600 Gramm für Deinen Löwenjungen.

Sie werden Dir einen Kaiserschnitt vorschlagen, weil sie Dich für zu zierlich halten und Dir sagen, dass die Geburt eines so großen Kindes für Dich und Dein Kind nicht ungefährlich sein könnte.
Sie geben Dir ein paar Minuten um Dich mit Deinem Mann zu besprechen ob Du diesem Kaiserschnitt am nächsten Tag zustimmen möchtest.

Ihr seid überfordert, denn damit habt ihr nicht gerechnet und es war nie eine Überlegung wert gewesen. Aber Gefahr für Mutter und Kind, das hört sich für Dich zu bedrohlich an und Du möchtest es nicht riskieren.
Die Hebamme die Du hast möchte die ärztlichen Kompetenzen nicht anzweifeln, Erfahrungen hast Du damit nicht und 2009 hast Du nicht das Wissen das Du später bei Deiner 2. Geburt haben wirst.
Facebook und die vielen wunderbaren Hebammen-Blogs kennst Du nicht, Deine Freunde und Deine Familie sind weit weg.

Es bleiben Dir 5 Minuten um zu entscheiden. Und Du entscheidest Dich, für die Geburt am nächsten Tag. Warum auch nicht, Hauptsache Du hast endlich ein gesundes Kind im Arm, denkst Du.

Am nächsten Morgen kommst Du gleich als erstes dran. Die Krankenhaushebamme fragt Dich, warum Du es nicht normal versuchen wolltest aber da ist es schon zu spät, Du wusstest es in dem Moment einfach nicht besser.

Um 08:00 Uhr schieben sie Dich in den OP und keine halbe Stunde später hörst Du endlich den Schrei auf den Du so viele Jahre hast warten müssen. Er ist endlich da und wiegt gesunde 3945 Gramm.

Sie werden Dich erst am späten Abend zurück auf´s Zimmer bringen, weil Du Zuviel Blut verloren hast und Dein Kreislauf immer wieder schlapp macht. Eine vorgeschlagene Blutkonserve lehnst Du ab, weil Du nicht genug aufgeklärt und beraten wirst und Du doch unbedingt das Stillen versuchen wolltest.

6 Wochen wirst Du sehr schwach und leichenblass durch die Welt laufen und das Mutterglück fühlt sich so anders an als erwartet. Dein Baby schreit viel und laut. Will immer stillen und hat Bauchweh. Deine Hebamme sagt Dir leider, Du darfst nicht eher wie alle 3 Stunden stillen und sollst ein Stillprotokoll schreiben.

Dein Baby riecht die viele Milch und schreit noch lauter. Du bist müde und schwach und schaffst es kaum bis in den 3. Stock in Deine Wohnung Dein Baby zu tragen. Du bekommst eine schwere Brustentzündung wie Du es nie gedacht hättest und Milchstau mit hohem Fieber. Das Stillen empfindest Du als Qual und Dir wird jedes Mal das Abstillen empfohlen.
Doch Du lehnst jedes Mal ab und schmeißt die Medikamente dazu in die Tonne.

Dein Baby ist ein waches Kerlchen und schläft nicht annähernd so viel, wie man Dir gesagt hatte, das Babys so schlafen würden.
Nächtelang tragt ihr es in den Schlaf und nicht selten denkst Du Dir, das es vielleicht doch nicht das große Glück ist Mutter zu werden. (Natürlich nicht ohne das anschließende schlechte Gewissen nach diesen Gedanken.)

Deine Kaiserschnittnarbe wird in einigen Jahren kaum mehr zu sehen sein und dennoch schaffst Du es nicht, sie selbst mal anzusehen.
Du fühlst Dich einfach nicht als richtige Mutter, betrogen um die Wehen und um eine natürliche Geburt.
Eine Heilpraktikerin empfiehlt Dir!, Deinem Baby diese Gedanken mitzuteilen, was Du erst mal für sehr gesponnen halten wirst. Doch langsam geht es Euch besser. Dir und Deinem Baby. Das Schreien wird weniger, das Stillen wird zu einer innigen Beziehung, als Du endlich eine liebevolle Hebamme findest, die sämtliche Stillprotokolle ins Altpapier schmeißt und Dir was von "Stillen nach Bedarf" erzählt.

Alles wird gut und ihr baut eine besonders innige und liebevolle Beziehung auf. Ab da hörst Du endlich nur auf Dein Herz und Dein Baby. Stillst es in den Schlaf und begleitest es auch nach dem Abstillen nach über einem Jahr jede Nacht in den Schlaf.

Du brauchst zwar noch lange, den Kaiserschnitt zu akzeptieren aber richtig geheilt davon wirst Du erst über 3 Jahre später. Denn freue Dich, ja,  Du wirst ein zweites Kind auf ganz normalen Weg zur Welt bringen.

Du kannst das Kapitel endlich schließen, denn das Leben hat Dir gezeigt, dass alles seinen Sinn hat. Warum auch immer, vielleicht musste es einfach so kommen, es ist okay wie es ist wenngleich auch viel falsch gelaufen ist.
Lehne Dich entspannt zurück, am Ende wird alles gut.

Deine Tanja



#MeinBriefanMich ist mein Beitrag zur Sommerblogparade von Hebammenblog.de

Gleichzeitig ist dies aber auch das erste Mal, dass ich so von der Geburt von meinem Löwenjungen schreiben kann.
2009 traf mich dieser Kaiserschnitt einfach völlig unerwartet und ich habe sehr, sehr lange gebraucht um damit fertig zu werden. Natürlich war ich dankbar, dass ich endlich meinen Sohn in den Armen hielt, aber es fühlte sich damals einfach nicht "echt" an. Wenn ich damals im Fernsehen Geburtsszenen gesehen habe, musste ich weinen. Ich wusste noch nicht mal wie sich richtige Wehen überhaupt anfühlen.
Ich war zu diesem Zeitpunkt noch nicht die Mutter die ich heute bin, auch an dieser Aufgabe musste ich wachsen. Es ist gut, dass es heute Netzwerke und Blogs gibt, denn hätte ich damals das Wissen gehabt, das ich heute habe, hätte ich vermutlich zuerst einmal eine normale Geburt versucht. Diese Möglichkeiten waren uns damals einfach nicht klar. Mit meiner Hebamme hatte ich damals einfach nur Pech. Auch das gehört eben dazu. Wie alles sehr viel besser laufen kann, durfte ich ja zum Glück bei der Geburt des Winterkindes 2012 erleben. Da habe ich um meine normale Geburt gekämpft und bin dazu sogar extra nach Deutschland gefahren, denn in Frankreich bekam ich gleich den Kaiserschnitt-Termin genannt, als die Ärzte gesehen haben, dass Nummer 1 nicht normal auf die Welt kam. "Normale Geburt nach Kaiserschnitt? Können Sie vergessen."

Jede Mama ist anders und jede muss das für sich entscheiden wo und wie sie gebären möchte. Doch liebe Mütter informiert Euch, wenn Ihr Euch überfahren fühlt. Wir hatten gerade mal 5 Minuten und wollten doch nur alles richtig machen.
Und wenn es dann doch ein Kaiserschnitt wird, dann hoffe ich, dass Ihr nicht so lange daran zu knabbern habt, wie ich damals. Alles wird gut und manchmal muss es eben so kommen wie es kommt. Mutter wird man nicht erst am Geburtstag seiner Kinder.

Gros Bisous
Eure Tanja


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Kommentare:

  1. Danke, liebe Tanja,

    Dein Brief hat mich sehr berührt. Die erste Geburt und das, was ganz anders läuft, als man sich vorher gedacht hat, können einen ganz schön umhauen... vielen Dank für Deine lieben Worte, die auch mir weiterhelfen <3

    Eine wunderschöne Woche

    Deine Küstenmami

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  2. Liebe Tanja,

    ich musste beim Lesen erstmal schlucken. In deinen Schilderungen finde ich so viele Parallelen. Der größte Unterschied ist, dass ich von Anfang an zum Kaiserschnitt gedrängt wurde. Dieses "leere" Gefühl nach der Entbindung und das Hadern keine normale Geburt gehabt zu haben verstehe ich so gut.
    Schon vor ein paar Monaten habe ich versucht die Erfahrungen schriftlich aufzuarbeiten, aber es fällt schwer.

    Es freut mich sehr, dass deine zweite Geburt um so vieles besser lief. Die richtigen Menschen und die richtige Beratung sind so wichtig.

    Ich danke dir sehr für diesen Text.

    Liebe Grüße
    Anja

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  3. Liebe Anja,
    es freut mich, dass mein Brief auch Deinen Brief möglich gemacht hat, er war auch sehr bewegend.
    Ja, endlich habe ich meinen Frieden damit gefunden und es tat sehr gut, sich das endlich mal von der Seele zu schreiben.
    Herzliche Grüße und alles Liebe auch für Dich!!!
    Bisous
    Tanja

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