Donnerstag, 18. Juni 2015

Familie auf Distanz oder: "wieviel mal schlafen bis Papa wieder kommt?"

Sonntag Abend stehe ich mit meinen beiden Jungs am Gartentürchen. Wir machen noch ein bisschen Quatsch, warten auf das Auto der Fahrgemeinschaft, welches jeden Moment um die Ecke kommen muss um meinen Mann in sein "anderes Leben" abzuholen. Er wird uns nochmal alle feste drücken, die Kinder werden wie immer die gleiche Frage stellen, wie oft sie schlafen müssen bis er wieder kommt, dann ein letzter Kuss und nochmal drücken. Das Winterkind wird vielleicht wieder bitterlich weinen, der Löwenjunge nur endlos traurig schauen, vielleicht auch weinen. Dann wird mein Mann weg fahren und wir werden uns erst nach 5 mal schlafen wieder sehen.
Wir blicken dem Auto hinterher und winken noch so feste, als man nicht mal mehr die Rücklichter sieht. "Jetzt sind wir wieder alleine" meint mein Löwenjunge traurig und ich bin froh, dass der Kleine heute nicht weint.

Seit wir aus Frankreich zurück sind, führen wir, wie viele viele andere Familien auch, eine Wochenend-Beziehung, Familienleben auf Distanz.
Für mich an sich nichts Neues, das gab es auch schon vor Frankreich und wir sind es auch gewohnt, immer mal wieder für längere Zeit auf Papa "zu verzichten".
Als Familie so wie wir es jetzt sind, ist es das erste Mal und wir haben auch tatsächlich erst einmal ein Weilchen gebraucht um uns an diesen neuen Alltag zu gewöhnen.

Wenn man sich so rumhört, sind in vielen Familien selten alle da. Schichtarbeit, Dienstreisen und Auslandseinsätze kommen in immer mehr Familien vor und sind leider für viele ganz normaler Alltag. 

Mein Mann ist, seit ich denken kann, immer mal beruflich einfach nicht da. Als unser Löwenjunge seinen 1. Geburtstag feierte, bin ich mit meinem Kind nach England geflogen- nennt mich sentimental, aber ich wollte einfach, dass wir zumindest am 1. Geburtstag unseres 1. Kindes zusammen sein können. Seither gab es leider viele Feste oder Situationen, die wir nicht gemeinsam erleben konnten, Weihnachten, Silvester, der erste Laternenumzug, Geburtstage oder natürlich auch viele Krankheiten und aua's, denn generell werden die Kinder ja erst krank, wenn Papa zur Türe raus ist. 

Manchmal, das muss ich ganz ehrlich zugeben, finde ich die Zeiten in denen mein Mann mal mehrere Wochen am Stück weg ist, "leichter" als dieses Familienleben am Wochenende. Man ist zwar für einige Zeit alleinerziehend, zählt mit den Kindern die Tage bis zum Wiedersehen und hängt (wenn es mal ein paar Wochen mehr sind) bunte Luftballons und selbstgebastelte Willkommensschilder auf. Die ersten Tage wenn Papa fehlt sind die längsten, sie ziehen sich dahin wie Kaugummi am Fußboden und es sind einfach viel zu viele Nächte, die man noch alleine schlafen muss. Dann hat man sich an die Situation gewöhnt, es pendelt sich alles ein und beginnt zu funktionieren. Auch die letzten Tage bis zur Ankunft sind sehr lange und anstrengend, weil die Kinder es kaum noch erwarten können. Dann ist Papa wieder da und alles ist wieder gut.
So haben wir jeden Sonntag schon nach dem Frühstück Papa's Abschied schon wieder im Hinterkopf. Der Koffer blickt einen gehässig aus der Ecke an. Der sonst so geliebte Familiensonntag ist unvollständig, denn er wird mit dem Abschied am Abend irgendwie verdorben. Man plant nur kleinere Ausflüge oder Aktivitäten und darf dabei den Blick auf die Uhr nicht vergessen. 
Sonntag Abend an den Mann kuscheln und Tatort oder Schnulze im Fernseh gucken- gehört leider nicht dazu. 

Unsere "Wochenend-Familie" finde ich derzeit etwas anstrengend. Unser Umzug lag erst 1 Woche zurück, da musste mein Mann gleich weg und natürlich war noch lange nichts da wo es hin gehört. Das Einleben und ankommen in Deutschland brauchte dadurch viel länger.  
Das Winterkind kannte es in Frankreich eigentlich nicht anders, als das Papa abends von der Arbeit nach Hause kommt. Die ersten Wochen brach sein kindliches "will wieder in Frankreich wohnen" fast mein Mutterherz und jetzt, nach 3 Monaten vergeht kein Tag an dem er nicht mindestens 5 mal fragt "wann kommt Papa wieder? Wie oft noch schlafen? Kommt Papa heute?"

Freitag nachmittag wollen meine Jungs kaum das Haus verlassen. "Nein, nicht zum baden gehen, Mama. Auf Papa warten" und dann kommt Papa endlich nach Hause und das Wochenend-Leben beginnt. Laut und manchmal auch ein bisschen anstrengend.

Was muss noch alles erledigt werden, was ist noch dringend zu erledigen. Über was muss noch gesprochen werden, was ist so alles passiert? Seine Wäsche waschen und er den Rasen mähen. Hoffentlich regnet es nicht... 

Für uns alle sind das zweierlei "Leben". Das Leben unter der Woche und das am Wochenende. 
Ich bin an 5 Tagen allein. Sind die Kinder im Bett, hat mein Tag meist noch kein Ende, das was an Haushalt und Küche liegen geblieben ist, schiebe ich da mit ein. Sind wir am Wochenende zu zweit, kann abends einer die Kinder und der andere die Küche fertig machen. Das hat schon was. 
Mein Mann führt unter der Woche eine Art "Single-Leben". Er mag es nicht, wenn ich es so nenne, denn natürlich fehlen wir ihm und er wäre lieber bei uns aber auf der anderen Seite hat er nun mal  früher "Feierabend" als ich und muss unter der Woche auf niemanden von uns Rücksicht nehmen.  Ja und auch wenn ich es gar nicht böse meine, neidisch macht es mich trotzdem an manchen Tagen. Die Männer können abends noch weg gehen, in den Sport, zum Biergarten oder in´s Kino. Kann ich nicht, denn ich muss mich ja schon um einen Babysitter für den Elternsprechtag kümmern.

Das Leben des anderen ist einem auch nicht mehr so präsent als würde man sich täglich sehen. Dort wo mein Mann gerade ist, da war ich noch nie. Sein Tag klingt wie eine Erzählung für mich, manchmal unreal, denn ein Telefonat oder eine Whats App kann ja nicht das Gefühl des Gespräches nach "und wie war Dein Tag?" ersetzen.
Genau so scheint aber auch ihm unser Leben anders aus der Ferne. "Wie?Warum konntet Ihr denn nicht zu dem Treffen auf dem Spielplatz?" Man sieht aus dem Fenster und merkt, der andere scheint auch ein ganz anderes Wetter in seiner anderen Welt zu haben...
5 Tage "Single" und 2 Tage Familienvater. Das ist auch anstrengend und gewöhnungsbedürftig. 

Und die Jungs? Sind an den Wochenenden auch wie ausgewechselt. Total aufgedreht und stets bedacht, sich was Neues einfallen zu lassen, um auch ja nicht übersehen zu werden. Es ist viel lauter und quirliger als den Rest der Woche. Und es sei meinem Mann nicht zu verdenken, wenn er sich dann so ein bisschen auf eine ruhigere Woche in der Ferne freut. Was er natürlich nicht macht ;-)

Jeder von uns 4 hat die unterschiedlichsten Bedürfnisse. Und diese am Wochenende unter einen Hut zu bekommen, ist nicht immer einfach. 

Zum Glück hat aber auch alles seine zwei Seiten. Meine Jungs sind sehr viel selbstständiger geworden. Viele Dinge machen sie nun von ganz alleine, weil ich gerade nicht kann oder mit dem anderen Kind beschäftigt bin. 
Und man nutzt die gemeinsame Zeit auch intensiver. Ich glaube um uns über Lapalien zu streiten, dafür fehlt uns nun schlichtweg die Zeit. 

Wie kann Familie auf Distanz funktionieren? Welche Chancen und Gefahren gilt es zu erkennen, wie kann man die (vielleicht darunter leidenden) Kinder begleiten? Was für Rituale helfen über lange Trennungen hinweg? 

Dafür sammle ich gerne auf Twitter, Facebook oder Instagram unter #FamaufDistanz auch Eure Erfahrungen und Tipps.

Wir haben uns mittlerweile ganz gut arrangiert und organisiert, aber dran gewöhnen mag man sich nicht, wenn man erst mal verwöhnt ist und es anders kennt. Für uns geht auch diese Zeit vorüber, andere machen das schon ihr halbes Leben. Aber, so habe ich gelernt, Austausch und Verständnis tun gut. 

Teil 2 über "Familie auf Distanz" folgt. 


Habt ein schönes Wochenende. Wir warten grad noch auf Papa ;-)



À bientôt und gros bisous

Eure Tanja


P.S. Natürlich gibt es auch viele, die nicht nur unter der Woche alleine sind, da kommt nicht mal jemand am Freitag heim. So hat jeder eben sein Los. Es gibt so viele Formen von Familie. Das hier ist momentan unsere.  







Kommentare:

  1. Ach, Tanja, ich kann Dir leider nicht mit Ratschlägen oder dergleichem helfen aber ich kann Dir ganz viel Kraft und Zuversicht schicken.

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    1. Vielen Dank meine Liebe, ich wollte jetzt nicht jammern, hab nur mal wieder meinen Gedanken freien Lauf gelassen.

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  2. Liebe Tanja,
    oh ja, es ist immer schwer und traurig, wenn die Familie getrennt ist. Man hat das Gefühl nun doppelt stark sein zu müssen für seinen kleinen Liebling. Und jedes mal stellt man sich dieser Herausforderung mit gegenseitiger Achtung und Respekt. Ein Rezept gibt es leider nicht, aber ein paar wahre Worte, die vielleicht ein wenig hilfreich sind. "Dein Instinkt sagt dir, was du tun musst, lange bevor es dein Kopf vermag." Michael Burke
    Viele liebe Grüße aus Holland
    Mama Nadine

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