Samstag, 28. März 2015

Die Geschichte einer anderen Familie in Frankreich und ein kleiner Gruß von mir, versunken in 86 Umzugskartons

Eine Umzugswoche liegt hinter uns, vollgepackt mit Umzugskisten, Terminen, Begegnungen und der Versuch ein kleines bisschen Alltag für die Kinder in dieses hektische Treiben zu bekommen.
 Mich macht dieses Chaos ein bisschen wahnsinnig, weil ich am Liebsten an jeder Ecke gleichzeitig was machen möchte und obwohl schon viel geschafft ist am Ende doch noch 86 Kartons übrig zum auspacken und verräumen sind.
Abends bin ich total geschafft und schlafe meistens gleich mit den Jungs ein.

Ich danke Euch für die lieben Mails und Kommentare zum letzten Post, ich werde ganz sicher noch antworten!

Damit es hier nicht trostlos leer bleibt, habe ich Euch heute noch einen Gastbeitrag mitgebracht. 
Eine meiner ersten "Twitter-Freunde" war die liebe Pfarrfrau, die mich auch auf Facebook anschrieb, weil wir eines gemeinsam hatten, sie lebt mit ihrer Familie in Südfrankreich.
Leider haben wir es nie geschafft uns mal persönlich zu treffen, umso mehr freue ich mich, dass sie sofort zusagte, hier auf Tafjora ihre spannende Geschichte zu erzählen. Vielleicht überlegt sie es sich ja auch nochmal und bloggt künftig als "deutsche Familie in Frankreich" :)


Also, ich bin eine echte Pfarrfrau, nur nicht ganz so dem "Klischee" entsprechend. Aber fangen wir vorne an.

Ich lernte meinen heutigen Mann 2006 übers Internet kennen, steckte aber noch im Abitur und einer anderen Beziehung. Er war da schon geschieden, einiges älter als ich, hatte zwei Kinder und mehr war zwischen uns lange nicht. :-)
Wir wurden Freunde, telefonierten stundenlang, Abende lang. Tausende Mails gingen hin und her, bis ich ihn 2007 besuchen fuhr, ihm beim Umzug helfen. Als ich aus dem Zug stieg, sah ich ihn sofort in der Menschenmenge und dachte nur noch: nein, bitte nicht, ich hab doch jemand anderen... Zu spät. Mein Herz sprang ihm entgegen, der Verstand brauchte noch etwas länger (auch wenn es nur drei Tage waren).

Ab da waren wir unzertrennlich. Ich arbeitete als Hilfskraft im Krankenhaus, merkte aber bald, dass ich Fernbeziehung und diese Arbeit nicht mag (heute habe ich einen anderen Beruf, aber im selben Berufsfeld). Wir zogen bald zusammen, bzw. ich ihm hinterher. Von einer kleinen Stadt bei Mainz nach Dijon. Kulturschock, Angst, Heimweh, Sprachschwierigkeiten. Was habe ich da heulen können! Ich war einfach losgestürmt, ohne nachdenken, ohne wirklich französisch sprechen zu können. Was war ich euphorisch, wenn ich im Supermarkt was an der Theke bestellt habe und verstanden wurde! Diese 200g Pastete werde ich nie vergessen ;-)

Langsam wurde es besser. Wir fanden uns zurecht, machten viele Erfahrungen und lernten wunderbare Menschen kennen.
Später zog es uns nach Lothringen, ich fing ein Studium an und brach es ab, machte eine Ausbildung, wir heirateten, bekamen zwei Kinder, zogen an die Atlantikküste.

Anders als bei Tafjora sind wir nicht von der Firma geschickt, sondern selbstgewählt nach Frankreich.
Mein Mann bekam in Deutschland keine Stelle und konnte durch Kontakte und Sprachkenntnisse zum Glück in Frankreich fertig studieren. Ich zog aus Liebe hinterher, aber oft plagt mich das Heimweh, Sehnsucht nach alten Plätzen, Menschen, Wurzeln, Supermärkten. *hust*
Nächste Woche kann ich euch eine Liste zeigen, was die Freundin und meine Mama einkaufen mussten für uns.

Als wir 2008-2012 in Lothringen wohnten, konnten meine Eltern uns einmal im Monat besuchen, heue kommen sie zwei oder drei Mal im Jahr. Wir können aufgrund der Entfernung, der kleinen Kinder, der Arbeit, nur selten fahren. Hatten wir uns vorgenommen, einmal im Jahr zu fahren, so mussten wir diesen Gedanken bald fahren lassen. Auch des Geldes wegen. Wir leben seit Jahren von einem Gehalt, aber so konnte ich zuhause bleiben und die Kinder aufziehen, bis sie mit drei in den Kindergarten kommen.

Die Eltern des Mannes wohnten kilometermäßig gleich weit weg wie heute, nur heute ist nur noch die Mutter da, der Vater nach langer Krankheit verstorben. So eine Strecke schafft sie nicht alleine...

Heute denke ich oft an die Zukunft, mein Elternhaus, das ich erben werde, die Zukunft unserer Kinder, die nur eine Nationalität haben, aber zwischen zwei Ländern stehen.
Momentan kommt noch das große Kind mit "Schulproblemen" an, in geht in die Ecole Maternelle und soll schon eine Klasse überspringen, weil sie mit 4,5 Jahren schon lesen kann, was sie erst nächstes Jahr lernen sollte. ;-)

Schule, Beruf, Leben, manches ist ein täglicher Kampf, ein ewiges in Frage stellen, genauso wie wir unser Familienleben mit zwei kleinen Kindern, davon mindestens eins hochsensibel und als Ehepaar mit dem Glauben leben. Auch die Frage, bin ich gläubig, ja, vielleicht oder doch nicht? Ganz anders als der Mann?!

Ich sehne mich oft nach meinen Verwandten, nach Vertrautem, der Muttersprache.
Andererseits hätte ich so ganz besondere Menschen nie kennengelernt. Menschen, die mir viel beibringen in Hinsicht auf meinen Beruf, Menschen mit so viel Herzenswärme, Intelligenz, Geschichte, die uns an ihrem Leben teilhaben lassen und uns mit offenen Armen empfangen. Das ist Balsam auf mein armes kleines Herz, was viel aushalten musste in den letzten Jahren. (Das abgebrochene Studium, Eltern werden und sein, ...)

Kurz gefasst, sitze ich manchmal schwer seufzend in meinem schönen Garten, unter einem der Feigenbäume und greife schnell zum Telefon, um Mama, die Freundin in Lothringen oder die deutsche Freundin anzurufen. Aber das Gefühl, "daheim" vieles nicht mitzubekommen, bleibt.

Irgendwann gehen wir zurück nach Deutschland, aber eher später als gedacht, weil unsere Berufe es nicht anders zulassen. In Hinblick auf Familie und gerade die Großeltern stimmt mich das sehr traurig...

Ich denke auch heute noch, dass die Entscheidung nie endgültig war und ist. Mit 21 dachte ich bestimmt nicht daran, nur noch zu Besuch zu kommen. Ich wollte reisen, aber doch nie ganz weg von meiner kleinen Heimatstadt und Eltern!
Ich lese auch heute online Nachrichten, Todesanzeigen, lasse mir viel erzählen, um den Anschluss nicht zu verlieren.

Zwischen zwei Ländern, Kulturen, immer auch der Suche nach mir, dem besten Weg für uns als Familie und als Einzelne. So sieht es wohl aus. Nie ganz angekommen, nie ganz zuhause. Es braucht viel Mut, Zuversicht, und ich glaube mittlerweile, auch eine Art Glauben, sonst geht man daran kaputt.

Aber dann gucke ich den Mann an und weiß wieder, dass es alles wert ist. So eine Liebe gibt es nicht oft...

1 Kommentar:

  1. Liebe Pfarrfrau,
    rund um Mainz gibt es sicherlich mehrere kleine Städte, aber ich grüße mal ganz lieb zurück, heute aus Mainz.
    Grüße aus der Heimat!
    saxy-meli

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