Sonntag, 28. Dezember 2014

Über Zweifel, Geschrei und Geschwisterliebe und warum ich trotzdem froh bin, 2 Kinder zu haben

Rums- erst hört man einen Rumpler, dann das herzzerreißende heulen und dann Mammmaaaa- 
Löwenjunge mag nicht dass der kleine Bruder zu ihm hoch klettert und schubst ihn runter...

Winterkind haut im Affekt mit dem Holzhammer dem Bruder auf den Kopf- viel Blut, Krankenhaus, Platzwunde. "Nicht so schlimm" sagt der Arzt, aber Schreck und Schock bleiben...



Meine beiden Kinder können von herzallerliebst ganz schnell auf wild und unberechenbar umschalten. 
Und das macht mich dann hilflos und traurig. Ja, ganz ehrlich, als kleinste Schwester von 3 Mädels hatte ich mir dieses Geschwister-Dings nicht so anstrengend vorgestellt. Es ist laut bei uns und auch laut kenne ich so nicht von daheim oder habe es vergessen, verdrängt, was auch immer. 

Als ich zum 2. Mal schwanger wurde, da war der Löwenjunge zweieinhalb. Von Anfang an haben wir ihn teilhaben lassen an dem was in Mama's Bauch geschieht. Der Arzt hatte ihm das 3-D-Ultraschall gezeigt, er hat den Bauch gestreichelt und dem Baby im Bauch vorgesungen. Wir haben Bücher über Babys und Geschwister gelesen, zusammen sein Zimmer ausgesucht. Er freute sich auf den Bruder und war ungeduldiger als ich. 
Am Tag der Geburt kam er mit Oma schon kurz nach der Geburt dazu um seinen Bruder zu begutachten. An diesem Tag war er plötzlich so groß geworden!

Es war eine harmonische erste Zeit, denn das Winterkind war das liebste und zufriedenste Baby was man sich wünschen konnte. Viel einfacher als der große Bruder, der wegen Koliken die ersten Monate gar nicht oder nur auf dem Arm schlief.  
Er hingegen schlief viel und überall, ließ sich gerne im Tuch oder in der Trage mitnehmen oder genau so gut mal schnell "ablegen" und ich hatte nach wie vor viel Zeit für den Löwenjungen. 
Beim Stillen las ich anfangs dem Großen vor, später dann ging das nicht mehr so gut, weil sich der Kleine dann zu sehr davon ablenken ließ. 

Die Eifersucht kam erst mit etwa einem Jahr. Das Winterkind liebt den großen Bruder- wo der ist will auch er sein. Mit 11 Monaten konnte er also laufen und zu dem Zeitpunkt änderte sich auch die Geschwisterliebe. 
Leider war zu dem Zeitpunkt der Papa viel weg und es gab so gut wie keine Ecklusiv-Zeiten mehr zwischen dem Großen und Mama. Noch so ein Nachteil wenn man so weit weg von allen wohnt, man kann sich keine Entlastung von der Familie holen. Man muss da eben irgendwie durch. 

Den Löwenjungen kann ich sehr gut verstehen. Wir beide haben eine sehr, sehr enge Bindung von Anfang an. Der Papa war beruflich viel weg, manchmal auch sehr lange Zeit am Stück. 
Der Kleine und ich waren ein eingeschworenes Team. Das war eine sehr intensive, schöne, wenn auch manchmal anstrengende Zeit. Aber sie hatte unsere Beziehung unheimlich gefestigt. 

Nun ist er 5 und muss uns/mich teilen. Die meisten Konflikte entstehen derzeit vermutlich genau deswegen. 
Manchmal habe ich das Gefühl, er tut bestimmte Dinge nur weil er denkt wir sehen ihn nicht. Hauptsache auffallen, notfalls negativ und Hauptsache laut

Bei allem Verständnis um die Hintergründe für so ein Verhalten bleibt aber die Erkenntnis, dass es für alle Familienmitglieder eine extrem anstrengende Zeit ist. Manchmal bin ich auch mit meinem Latein und mit meiner Geduld am Ende und wer mich kennt, weiß dass ich davon eigentlich, zumindest was die Kinder angeht, recht viel habe. Irgendwie stecke ich gerade fest mit meinen Gedanken und Ansätzen. Sackgasse. Zweifel.  

Ich lese gerade Jesper Juul Eltern Coaching - gelassen erziehen und finde mich hier sehr oft wieder. 
Jesper schreibt zum Beispiel, dass viele Eltern einfach auch zu sehr auf Harmonie bedacht sind. 
Aber im wahren Leben gibt es eben nicht immer nur Harmonie, Friede, Freude und Eierkuchen. 
Vielleicht muss ich einfach akzeptieren dass es momentan so ist wie es ist???

Und während sich in meinem Kopf mal wieder das schlechte Gewissen einschaltet, keinem Kind mehr wirklich gerecht zu werden, dass ich am Ende vielleicht eine bessere 1-Kind-Mama geblieben wäre (was natürlich bei diesen beiden wunderbaren Kindern völliger Quatsch ist!!!) kommt die Blogparade von Mama in the Rocks und Mama Schulze genau richtig. Ich lese die wunderbaren Artikel dazu, ob ein zweites Kind wirklich nur mehr Stress und Chaos bringen.

Und sofort fallen mir mindestens 10 Gründe ein, warum ich nur jedem ein weiteres Kind wünschen würde. 
 (Falls das drum herum natürlich auch passt)

1.) noch mehr Liebe? Geht! Wenn ich in die 4 wunderbaren Augen meiner Jungs sehe...

2.) noch weniger Zeit
Mal ganz ehrlich, das ist doch ein "überschaubarer" Zeitpunkt mit den Kindern.  Und sicher hätte ich auch nicht wirklich mehr Zeit als jetzt. Gefühlsmäßig zumindest. Bald brauchen Sie mich nicht mehr, jeden Tag etwas weniger...

3.) Gelassenheit 
Was war ich beim 2. Kind für eine glückliche Wochenbettlerin? (Auch wenn ich anfangs wieder etwas ängstlich war, diesem Winzling die Windel zu machen)
Ich war wirklich gelassener und ruhiger und war endlich eine Mama, die aus dem Bauch entscheiden konnte. Ich stillte wann und wie ich wollte- weil ich es konnte. Ich entschied mich für das bedürfnisorientierte und hatte ein zufriedenes und glückliches Baby, sicher auch weil ich so viel entspannter war als beim Löwenjungen. 

4.) das mit den Babyklamotten ist so ne Sache. Der Löwenjunge ist ein Sommerkind, vieles passt nun dem Winterkind eben deshalb nicht aber das ist auch gut so, denn welche Mama kauft nicht gerne mal so ein herziges neues kleines Teil ein (wenn sie es sich natürlich leisten kann). 
Rein wegen Kinderwagen, Babyschale, Wickeltisch etc lohnt es sich natürlich ;-)

5.) während ich mich beim 1. Kind noch fast täglich mit in den Sandkasten hockte, kann ich heute den beiden getrost von meiner Bank zusehen. Ich spiele natürlich auch gerne mal mit, meistens werde ich aber gar nicht gefragt und ich liebe es, Ihnen beim Spielen zuzusehen

6.) ok, dass ich nun viel mehr Wäsche habe gehört jetzt hier wohl nicht rein, was?!?!

7.) es geht alles so schnell und wenn ich ehrlich bin, genieße ich das Zweite jetzt viel bewusster. Der Große ist nun bald ein Schulkind und kommt er in die erste Klasse, kommt der Kleine in den Kindergarten. Ich weiß noch wie aufgeregt mein Löwenjunge war, als er vo etwas mehr als 2 Jahren in die ecole Maternelle kam...

8.) vieles guckt sich das Zweite vom Ersten ab
Was wir dem ersten noch ausführlich zeigen durften (was auch schön war) das macht der kleine Bruder eben. Auf's Laufrad sitzen und losfahren, auf Toilette gehen aber auch so "tolle" Sachen wie "Seisse, Kacka" oder "Peng Peng tot"...

9.) die 2. Schwangerschaft war ganz anders, ich hatte gar nicht mehr die Zeit "24 Stunden am Tag" schwanger zu sein.  Auch war ich etwas entspannter, weil ich das eine oder andere Ziepen kannte. Beim Löwenjungen war viel viel mehr Angst, auch dieses Kind nicht bis zu Ende austragen zu können. 

10.) ich möchte einfach um nichts auf der Welt einen der beiden missen. Auch meine größte Angst hat sich verdoppelt, nämlich dass meinem Kind etwas passiert und mich hilflos macht

Aber ganz egal ob ein Kind oder mehrere, Eure eigenen oder angenommenen Kinder, es muss sich für jeden richtig anfühlen. Ich habe mich mit einem Kind genau so viel als Mama gespürt wie jetzt mit 2. Auch ein drittes wäre theoretisch schön gewesen, hätte ich ein bisschen früher begonnen. Es ist wie es ist. 
Und bei mir eben alles im Doppelpack: Chaos, Liebe, Angst, Träume, Zweifel....





Wer nichts verpassen will, der darf mir sehr gerne auf Facebook folgen. Viel mehr Bilder von unserem kunterbunten Familienleben gibt es übrigens auf Instagram.

Über Deinen Kommentar freue ich mich übrigens ganz besonders! Es bedeutet mir sehr viel, dass Du Dir dafür einen Moment Zeit nimmst. * Merci *

Kommentare:

  1. Liebe Tanja, Dein Beitrag gefällt mir wahnsinnig gut und hat mir auch ein paar Tränchen entlockt. Du scheinst eine harte Zeit mit den Kindern durchzumachen, und ich bewundere Dich sehr, wie Du das alles wuppst, auch wenn Du es selbst vielleicht gar nicht so empfindest. Alleine in einem fremden Land, von einer fremden Sprache umgeben, ziehst Du diese zwei wundervollen Jungs gross, die sich zurzeit eben gegenseitig piesacken. Mein Mann und sein Bruder haben drei Jahre Altersunterschied, mein Mann ist der ältere, und was er mir so aus ihrer Kindheit erzählt.... das wurden Zähne mit der Schaufel ausgeschlagen, sogar eine Nähmaschine flog durch die Luft.... Aber hey, sie haben es überlebt, und die Eltern auch ;-). Die beiden Brüder sind heute komplett unterschiedlich, aber sie haben ein gutes Verhältnis zueinander. Was ich damit sagen will: Es ist sicher nur eine - durchaus schwierige - Phase. Aber eben eine Phase. Schau Dir mal den Beitrag von Mutter und Söhnchen an, sie bringt ein paar wichtige Dinge auf den Punkt: Auch wenn sich Deine Kinder jetzt raufen, irgendwann werden sie froh drum sein, einander zu haben. Da bin ich mir ganz ganz sicher. Und schliesslich bist Du ihre Mutter, ich denke, da kann nichts schief gehen <3

    Deine 10 Punkte finde ich super, und ich finde mich in vielem wieder. Vor allem Punkt 7: Ich geniesse Copperfield auch viel mehr als damals LadyGaga. Damals war ich viel zu sehr in mein Korsett aus "Das muss so" eingepfercht. Heute bin ich einfach Mama und ziehe MEIN Ding durch. Und Punkt 5 Deiner Liste kann ich als Nicht-Spielplatz-Mama ja kaum erwarten...

    Ich drücke Dich <3
    LG
    Séverine

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    1. Liebe Séverine,
      Ich danke Dir für Deinen lieben Kommentare, es tut sehr gut das zu lesen. Jetzt bin ich auch ganz froh, keine Nähmaschine zu besitzen.
      Vermutlich hast Du Recht und es gibt eben Tage, da erträgt man auch diese Geschwister-Kriege besser als an anderen Tagen. Ich muss mich auch darin üben, mir das nicht immer alles so zu Herzen zu nehmen.
      Lieben Gruß
      Tanja

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  2. Ach so schön geschrieben! Die Hälfte kann ich jetzt schon unterschreiben, die andere Hälfte sicher in ein paar Monaten :)

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  3. Bei uns ist es oft auch sehr laut.so ist das eben, nicht wahr?

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  4. Danke für diesen Artikel. Er fasst so ziemlich alles zusammen, was ich seit einiger Zeit in meinem Kopf hin- und herschiebe. Wir wünschen uns ja ein zweites Kind - wer weiß, ob wir noch einmal so viel Glück haben?
    Und je länger ich hoffe und warte, desto öfter frage ich mich, ob es nicht doch einfacher wäre, eine 1-Kind-Mama zu bleiben?
    Aber keine Geschwister haben klingt nun auch wieder so traurig. Und wir fühlen uns auch einfach noch nicht so richtig fertig. Wir werden also sehen...
    Liebe Grüße
    Julia

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    1. Liebe Julia,
      Danke für Deinen lieben Kommentar. Ja, diese Gedanken sind einfach da. Zum Glück aber auch die Guten. Aber wenn ihr Euch noch nicht komplett fühlt, dann seid Ihr es auch noch nicht ;-)
      Viel Glück und alles Liebe
      Tanja

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  5. Ein ganz toller Artikel - persönlich und sehr schön.. ja, ich habe auch erst lernen müssen, dass es nicht immer nur harmonisch und ruhig zugeht, wenn Geschwister mal Lust auf RemmiDemmi haben.. Die Therapeutin von Tochter erklärte mir, dass die Familie der sicherste Ort für Kinder ist, streiten und Auseinandersetzungen zu lernen - nützt mir zwar in dem Moment nichts, aber mittlerweile kann ich an den Geschwisterstreit gelassener und auch relaxter rangehen !
    Liebste Grüße und viel Ommmmmmm
    Linda

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    1. Danke meine Liebe! Diesen Satz von der Therapeutin finde ich übrigens sehr gut und er kommt mir grad immer wieder in den Sinn wenn es hier wieder scheppert. Das Ohmmmmmm nehme ich sehr gerne, vielen Dank, denn damit geht es deutlich besser!
      Liebe Grüße
      Tanja

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