Sonntag, 9. November 2014

25 Jahre Mauerfall - meine ganz persönliche Einheitsgeschichte

Es gibt so Tage, an denen man wieder heftigst daran erinnert wird, wie rasend schnell die Zeit dahin rennt. 

Heute ist genau so ein Tag: 25 Jahre Mauerfall? 25 Jahre?!?!
Vor 25 Jahren, die sich heute fast wie vorgestern anfühlten, saß ich auf dem damals neuen, grau gestreiften 2-er Sofa meiner Eltern und erklärte meiner Mutter: "ich kann jetzt noch nicht in's Bett Mama, heute Nacht werden doch die Geschichtsbücher für meine Kinder neu geschrieben!" 
Ich spürte, da lag was ganz Großes in der Luft aber erklären und verstehen konnte ich das mit meinen damals knapp 14 Jahren trotzdem noch nicht wirklich. 

Wir persönlich hatten keine Verwandschaft in der ehemaligen DDR gehabt und so betrachtete ich viele Bilder sehr überrascht. Dinge die für mich so selbstverständlich waren, waren für andere so besonders? Die Bilder dieser Nacht, aus dem Farbfernsehgerät meiner Eltern und rund 600 Kilometer von Berlin entfernt prägten sich trotzdem in meinen Kopf ein. 

Im darauffolgenden Sommer nahm ich an einer Ferienfreizeit teil. Jugendliche aus den Partnerstädten meiner Heimatstadt verbrachten 2 Ferienwochen ohne Eltern in einem Schullandheim in der Rhön: aus Frankreich, Italien und eben auch aus "den neuen Bundesländern". Wir unternahmen von dort aus viele Tagesfahrten um den anderen Teil Deutschlands zu besichtigen: Meiningen, Erfurt, Suhl, Weimar. Gedenkstätten gab es genug. Und wenn es nur ein Informationsraum im Rathaus war. 
Die Erwachsenen wollten es uns "einbrennen" mit Vorträgen und Filmen über Schicksale aus dem einst geteilten Deutschland. Fast panisch waren sie dabei, als hätten sie Angst davor, dass sich die Mauern vielleicht sonst wieder schließen würden. 
Wir Jugendliche hatten damals keine Berührungsängste oder Mauern in unseren Köpfen, wir waren zwischen 14 und 17 und auch die Jungs und Mädels "von drüben" hatten schöne Augen, nen tollen Hintern oder Pickel im Gesicht. 

Trotzdem war da ein bisschen das Gefühl, als betrete man eine andere Welt. In Turnhallen waren Supermärkte entstanden, die Luft stank nach den Abgasen der Trabbis, die Straßen waren holprig und löchrig wie man sie heute auch "bei uns im Westen" findet. Es hätte fast etwas von "Sensationstourismus", diese Neugier nach dem "Drüben".

Es entstanden Brieffreundschaften zwischen Ost und West. Später mischte sich das auch in den Schulklassen, neue Gesichter kamen hinzu. 

Alles in allem war die Einheit in meiner Jugend, an meiner Schule und in meiner Stadt eine tolle und gelungene Sache. Über mehr machte ich mir auch nicht so große Sorgen, weil es mich ja nicht unmittelbar betraf. Meine Freunde kamen aus dem Osten, aus dem Westen, aus der Türkei, aus Bosnien, Kroatien und Italien. Ich machte da keinen Unterschied wenn sie okay waren, dann waren sie okay. 

Dass das mit der Einheit und den Mauern in den Köpfen nach vielen Jahren für viele doch nicht so klar und toll war, überraschte mich, als ich 2008 wegen meinem Mann mein schönes Süddeutschland verließ um nach Sachsen-Anhalt zu ziehen. Mein Mann war schon seit    dorthin versetzt und seit 2006 führten wir eine Wochenendbeziehung, da ich "im Osten" keine Arbeit fand. 
Der Umzug dorthin war für mich ein echter Schock. Das "Land der Frühaufsteher" war (zumindest wo wir hin zogen) platt, die Menschen unfreundlich. Die Arbeitslosigkeit war hoch und die Unzufriedenheit unbeschreiblich. 
Wir "Wessis" hatten einen ganz eigenen Ruf. "Ach Ihr Wessis könnt ja da gar nicht mitreden". 
Vieles konnte ich verstehen, aber manches war mir fremd. 

Ich fand endlich Arbeit im Reisebüro der Stadt. Doch dort gab es Kunden, die wollten sich nicht vom "Wessi" bedienen lassen, weil sie Angst hatten, ich würde sie "bescheissen". 
Mein Chef war toll und verteidigte mich, aber fragt nicht wie oft ich abends heulend nach Hause kam. Sowas kannte ich nicht und die Bemerkungen trafen mich tief im Herzen. 

Nur langsam und eigentlich auch erst durch die Schwangerschaft fand ich Anschluss und Heimat dort. Ich hätte nicht gedacht, dass so viele Menschen so unglücklich und verbittert über die Einheit sind. Aber sehr viele haben eben auch sehr viel verloren und vieles von dem was eben nicht gut war verdrängt. 

Als wir 2012 Sachsen-Anhalt in Richtung Frankreich verließen, da fiel mir der Abschied schwer, 4 Jahre zuvor kam ich heulend hier an und mit Tränen in den Augen zog ich weiter. 
Es hat seine Zeit gebraucht und so manche Mauer haben wir eingerissen. 
Wir haben viele wunderbare Freundschaften geschlossen. 

Zu tun ist aber auch 25 Jahre nach dem Mauerfall noch mehr als Ballons entlang der ehemaligen Grenze leuchten zu lassen. 
Und es liegt viel davon auch an uns ELTERN, was wir an Mauern in unseren Kindern errichten. 

Mein Löwenjunge kam übrigens im Osten zur Welt, wichtig ist das nur für seine Geburtsurkunde. Hoffe ich. 

À bientôt und grand bisous 

Tanja 



Kommentare:

  1. Eine spannende Lebensgeschichte. Ich bin mit einem Ossi, der noch kurz vor der Wende in den Westen flüchtete, verheiratet. Er hat keine Mauern mehr im Kopf, niemals gehabt. Für ihn als Ossi war das Ankommen im Westen nicht leicht, sagt er. Auch er war erst Mal Außenseiter. Wenn wir heute zu seinen Verwandten nahe Dresden fahren, ist er es wieder. Und ich mit ihm. Die Leute haben viele Träume verloren und sind sozusagen Opfer der Geschichte geworden. Die Verbitterung erschreckt mich trotzdem. Aber, ich weiß nicht, was diese Situation aus mir gemacht hätte.

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    1. Das stimmt wohl leider. Ich fand nur sehr erschreckend, dass viele junge Leute, so Anfang 20, diese Vorurteile im Kopf hatten. Sie haben es nicht miterlebt und müssen das ja irgendwoher haben.
      Ein sehr schwieriges Thema finde ich....

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  2. Das ist eine spannende Geschichte.
    Ich war 4 als die Mauer fiel und habe bewusst nie die Mauer und das geteilte Deutschland erlebt.
    Meine Schwiegermutter und ihre 3 Kinder sind "Ossis". Sie erzählt immer von den positiven Dingen der DDR. Die Kinder Betreuung und das für alle gesorgt war. Sie hatte wohl einen hof den Sie neben der Arbeit bewirtschaftete. Meine Schwägerin und mein Schwager waren 8 und 6 als die Mauer fiel und sie hatten es etwas schwer hier zu starten. Aber sie lebten siech schnell ein und missen nix. M meine jüngste Schwägerin ist zwar im Osten geboren, aber da hab es die Mauer nicht mehr.
    Ich persönlich kollidier mit der Schwiegermutter in Sachen Erziehung häufig an einander. Sie habe früher alles anders gemacht. Ich weiß nur nicht genau, ob es an ihrem "ossi" denken liegt, oder einfach an dem anderen denken meiner Generation.
    Ich dir meinen Teil bin froh, dass es keine Grenze mehr gibt und bin froh, dad ich es Note bewusst erlebt habe. Dennoch sollte man dies nicht vergessen und ich glaube, dass immer noch vieles getan werden muss.
    Lg

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    1. Danke für diesen tollen Kommentar. Ich glaube auch, dass sehr viel sich gut war. Und das darf man eben auch nicht vergessen. Aber die Grenze hat natürlich auch viel Leid und Schicksale mit sich gebracht, die viele einfach vergessen. Und egal ob Ost oder West, jeder hat doch sein Päckchen zu tragen

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