Freitag, 25. Juli 2014

Gastbeitrag von Weddinger Berg: Über das Vatersein

Bonjour, ça va?

Heute bin ich ganz stolz, auf einen neuen Gastbeitrag in meiner Sommer-Urlaubsvertretungs-Reihe. Und juhu, es ist nochmal ein Papa!

Ich hoffe Ihr kennt ihn, ansonsten holt das schnell nach, denn er schreibt einfach erfrischend anders. 
Noch recht frisch Papa, einer der sich aber viele Gedanken macht. Und hier und heute über das Vatersein...

Seinen Blog beschreibt er so: (und gleich wisst Ihr schon, warum ich seinen Blog so gerne lese, früher nur dienstags, aber vielleicht demnächst auch öfter)

Ganz herzlichen Dank für Deinen Gastbeitrag, lieber "Johnny" und hoffentlich irgendwann mal wieder! Liebe Grüße nach Wedding!



Vater, plötzlich. Tanz auf dem Vulkan.
Das Vaterleben. Ein Leben an der Grenze. Der Tanz auf dem Vulkan. Manchmal beneide ich Vulkane, denn die schlafen. Scheinen auch keine Probleme beim Einschlafen zu haben. Andererseits lachen sie nicht, wenn man sie anlacht. Ob es Schlaflieder für Vulkane gibt? Das würde bei meiner Kleenen vielleicht auch funktionieren. Vielleicht. 
Das Vaterleben. Der Tanz auf dem Vulkan. Zwischen dem Wahnsinn und dem Tag danach. Der Tag danach, das ist das Heute, das ist immer und immer das Jetzt. Eine Geschichte mit Anfang. Das Ende sucht man vergebens. Erschreckend. Deswegen brummt der Schädel. Die Erde bebt. Zu viel war’s. Oder von allem zu wenig. Nein, Elternsein endet nicht plötzlich. Nicht mit der Nacht. Nicht mit dem Morgen. Zumindest will ich das hoffen. Elternsein beginnt. Das ist das Geheimnis. So hat es die töchterliche Naturgewalt mich gelehrt. Sie definiert Vatersein. Jeden Tag. Jede Nacht. Immer auf Anfang. Immer wieder von neu.
In manchen Momenten schaut man direkt hinein. In den Wahnsinn. Den stündlichen Neubeginn. In diesen reißenden Fluss, den man Vatersein nennt. Man sieht Dinge, die man hinter sich wähnte. Immer und immer wieder. Sie ziehen vorbei. Ich rede von Angst, von Wachstumsschüben. Mancher Moment wie Treibgut. Man wird ihn einfach nicht los. Wie das Quengeln vor dem Schlafengehen. Oder dem Gedanken an die Zukunft. 
Nur der Vulkan, der allein steht still. Ersetzen wir das Quengeln durch Brüllen. Ersetzen wir Worte durch Worte. All das erkennt man meist erst dann, wenn schon wieder vorbei. Wenn neue Wasser fließen. Man weiß es hinterher. Wenn man froh ist, entkommen zu sein. Dem Wahnsinn, dem Zweifel. Für den Moment. 
Was es sei, dies Vatersein? Man schaut in den Spiegel. Ein wenig älter, ein wenig müder. Reife erkennt man, entfernt man am Spiegel drei von vier Lampen. Übrig bleibt indes nicht viel. Die Spur führt scheinbar ins Leere.
Als Vater geht man gern zwei Schritte zurück. Nachdenken. Lösungen finden. Nicht an den nächsten Morgen denken. An den nächsten Morgen denken, in einem alten Leben war das selten gut. Auch heute bleibt man besser im Jetzt. Das ist die Überlebensformel. Inder Wüste. Im Dschungel. Am Babybett. Und wenn die Sonne schon steht. Von vorn die Welt beginnt. Manchmal dauert es einige Monate, bis man versteht, Vatersein ist ein Buch. Es beginnt mit der ersten Seite. Querlesen kann man es nicht. Man muss sich einlassen. Das braucht Zeit. Und Geduld. Manchmal glaubt man sogar, Vatersein sei Badewasser. Es stünde bis zum Hals. Manchmal merkt man es ganz deutlich. Aber einfach aufstehen mag man auch nicht. Man pustet lieber den Schaum. Hinter verschlossenen Türen, versteht sich.
Ich beneide Vulkane nicht. Zwar schlafen sie. Scheinen selbst die Nacht durchzuschlafen. Doch dauert es mitunter Jahrhunderte, bis sie verstehen. Jahrtausende manchmal sogar. Ihre Welt verändert sich. Noch bevor sie erwachen. Solange will ich nicht warten. Für die Kleene da sein, wenn sie versteht, wenn sie verstehen will. Beim Aufwachen. Wenn alles von vorne beginnt. Und im Zweifel blättere ich einfach zurück und lese noch einmal nach. Oder ich lese ihr vor. Dann wird sie wahrscheinlich mit dem Kopf schütteln. Gut, werde ich sagen, dann schreiben wir das eben neu. Oder wir tanzen. Oder was ihr sonst so einfallen mag. Noch kann die Kleene aber gar nicht sprechen und ich denke bloß laut. Noch habe ich Zeit, meine Schritte zu üben. Das hilft.

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