Mittwoch, 23. Juli 2014

Gastbeitrag von Mama on the Rocks: Auswandern als Kind- mein Erfahrungsbericht

Bonjour, ça va?
Wir sind immer noch im Deutschland-Urlaub und genießen die Tage mit Familie und Freunden. Es ist schön, die Kinder mit "alten" Freunden und in vertrauter Sprache spielen zu sehen, aber dennoch sind wir einfach "nur zu Besuch" und vieles ist dadurch einfach auch anstrengend.
Viele beneiden uns, "die Franzosen" die wir natürlich nicht wirklich sind, aber wie ist es, das Leben der Kinder in der Ferne?

Darüber schreibt heute Severine, den meisten von Euch bekannt als Mama on the Rocks . Als kleines Mädchen mit 7 Jahren ist sie mit ihrer Familie für 3 Jahre nach Guatemala ausgewandert. 
Und vieles von dem was sie schreibt, werden meine Jungs vielleicht irgendwann auch mal sagen.

Ich freue mich riesig über diesen klasse Gastbeitrag, der so herrlich hier auf den Blog passt! Herzlichen Dank!


Auswandern als Kind – mein Erfahrungsbericht

Als ich sieben Jahre alt war, bin ich mit meiner Familie nach Zentralamerika ausgewandert. Mein Vater hatte ein gutes  Jobangebot dort. Die Jahre 1985, 1986 und 1987 verbrachte ich also in Guatemala, ähnlich wie Tafjora jetzt mit ihrer Familie in Frankreich an der Atlantikküste lebt. Wie war das damals für mich als Kind?


Wir waren dann mal weg
Ich war mir damals der Konsequenzen nicht bewusst. Auswandern nach Guatemala? Aufregend! Die Freunde und die restliche Familie zurücklassen? Was soll’s. Den ganzen Umzug nahm ich ziemlich emotionslos auf und freute mich einfach.
Wir kannten niemanden. Ich kam zusammen mit meinem älteren Bruder in eine Deutsche Privatschule, weil diese besser war als die Schweizerische. Wir hatten sogar einmal Besuch von Erich von Weizsäcker, daran kann ich mich noch sehr gut erinnern. Wir mussten für ihn turnen, haha. In der Schule bestand die Hälfte der Schüler aus Deutschen, die andere Hälfte aus Guatemaltekern. Und ein paar Schweizern so wie mir. Die Hälfte der Leute konnte ich alszuerst nicht verstehenda ich ja kein Spanisch sprach. Das sollte sich schnell ändern – innerhalb eines halben Jahres lernte ich, wie ein spanischer Wasserfall zu sprechen. Und tue das noch heute. Auch akzentfreies Hochdeutsch lernte ich in Guatemala, was für eine Schweizerin ja durchaus eine Leistung ist.
In unserer Schulklasse waren wir 40 (!) Kinder. Das war nie ein Problem, ich fühlte mich nie benachteiligt oder als blosser Teil einer Masse. Probleme bereitete mir etwas ganz anderes: Die Kinder konnten alle bereits zusammenhängend schreiben, ich krakelte noch mit Druckbuchstaben vor mich hin. Ein Riesen-Gap zwischen Schweiz und Guatemala! Und kein Lehrer, der geholfen hätte. Das Schreiben habe ich mir dann selber beigebracht, Buchstabe für Buchstabe bzw. Wort für Wort. Darauf bin ich eigentlich stolz. Das Lesen von fremder Schreibschrift war umso schwieriger. Vielleicht habe ich ja deshalb an der Uni im Rahmen meines Geschichtsstudiumsunter anderem Lesepaläographie gelernt und kann heute auch Schriften aus dem 18. und 19. Jahrhundert problemlos lesen…

Sprache als Hürde im Unterricht?
Ich kannte die spanische Grammatik nicht und habe bei Spanischprüfungen stets schlechte Noten geschrieben. Es ist schwer, die Theorie zu verstehen, wenn sie in der fremden Sprache kommuniziert wird. Ich erinnere mich an ein Diktat, in dem die Lehreridiktierte „entre parentesis“ – ich habe es geschrieben wie gehört. Es bedeutete aber „in Klammern“. Tja.
Mein peinlichstes Erlebnis: Eine auf Spanisch angekündigte Prüfung konnte ich nicht vorbereiten, da ich die Ankündigung schlichtweg nicht mitbekommen hatte. So sass ich unvorbereitet vor deTest. Was tun? Ich habe –siebenjährig – jede Antwort von meiner Nachbarin abgeschriebenErstaunlicherweise war ich aber so intelligent, die Reihenfolge der Antworten jeweils abzuändern und zwei, drei Schreibfehler reinzuschummeln. Die Konsequenz3 von 40 Schülern hatten die Bestnote – ich war eine davon und wurde von der Lehrerin vor versammelter Klasse über den Klee gelobt. Ich habe mich so geschämt. Ich habe (fast…) nie mehr geschummelt.

Freundschaften
Auf einer Geschäftsreise lernte mein Vater eine Französin kennen, die mit ihrer Familie ebenfalls in Guatemala lebte. Sie stellten festdass sie Töchter im selben Alter haben. Ein Treffen wurde arrangiert, das ich böswillig boykottierte. Ich spielte einfach nicht mit dem Mädchen unliess es linksliegen.
Wir kennen uns nun schon 30 Jahre und in zwei Wochen wird sie in der Kirche als Taufpatin meines Sohnes dabei sein. Heute wohnt sie in Paris und hat mich auch schon einmal stockbesoffen unter die Dusche stellen müssen. 30 Jahre Freundschaft über mehrere Lebensabschnitte und Kontinente...Das hätte ich nie für möglich gehalten.

The time of my life
Ich war ein glückliches Mädchen in diesedrei Jahren im Ausland. Ich habe neue Kulturen kennengelernt, eine Freundschaft fürs Leben geschlossen, eine neuSprache gelernt in der ich auch träume, wenn ich mit meiner Freundin telefoniere. Ich kenne noch Werbeslogans mit der Melodie auf Spanisch. Gerüche. Gefühle! Lieder. Like a virginCarelessWhispers auf der Landstrasse. Ich kann mich an so vieles erinnern, als sei es erst gestern gewesen. Die gelben Schulbusse. Erdbeben. Blaue Zuckerwatte. Wonder Woman und He-Man, Three Stooges (auf Spanisch: tres chiflados), ausbrechende Vulkane, Tamales, Hibiskustee, bunte Blumen im Garten, das Singen der guatemaltekischen Nationalhymne in der Schule… ich könnte ewig so weiter schreiben. Meine drei Jahre im Ausland waren unbeschwert.
Ich kann wirklich sagendass es die beste Zeit meiner Kindheit war. Die Mentalität war eine ganz andere als in der Schweiz. Die Kinder gingen offen aufeinander zu, Mobbing gab es kaum. Vielleicht ist das ja aber auch nur eine Sache der 80er, vielleicht wäre es mir heute als Kind ganz anders ergangen. 

Und doch…
Als mein Vater nach drei Jahren wieder in die Schweiz zurückversetzt wurde, war ich froh. Endlich nicht mehr nur zu Besuch in der Schweiz. Wieder Schweizer Schokolade essen, Zürigeschnetzeltes und und und. Schweizerdeutsch sprechen. Die Familie sehen, Cousinen, Tanten, Onkel, die Grosseltern! Einfach zuhause sein.
Ich sollte mich täuschen. Zurückzukommen war hart und hat mich viele Tränen gekostet. Mein weltoffener Geist hatte in der kleinen Schweizer Idylle keinen Platz mehr. Ich wurde in der Schule gemobbt, einfach weil ich anders war. Weil ich hochdeutsch ohne Akzent sprechen konnte. Weil ich schulisch weit voraus war. Kinder können grausam sein, und ich habe das jahrelang zu spüren bekommen. Vielleicht wäre es aber auch ohne Auslandaufenthalt so gekommen. Das bedeutet aber auch, dass man sich später viel einfacher an ein neues Umfeld anpassen kann. Heimat ist für mich heute dort, wo meine Familie ist, und nicht an ein Land gekoppelt.

Und meine Kinder?
Ich bin meinen Eltern unendlich dankbar für die Erfahrung, die ich dank ihnen im Ausland sammeln durfte. Ich habe früh gelernt, mit offenen Augen und Armen durchs Leben zu gehen. Aber als LadyGaga auf der Welt war, wuchs in mir trotzdem der Wunsch, ihr die Wurzeln zu geben, die mir als Kind frisch zurück aus dem Ausland irgendwie gefehlt haben. Wir bauten ein Haus, damit unsere Kinder eine Zentrale, einen Landeplatz haben. Ich will, dass sie hier im Dorf in den Kindergarten gehen und anschliessend auch hier in die Primarschule – am gleichen, kleinbürgerlichen Ort. Das heisst aber nichtdass ich mir nicht vorstellen könnte, eines Tages mit Sack und Pack auszuwandern und nochmalalles auf den Kopf zu stellen, um die grosse, weite Welt zu sehen. Und wenn meine Kinder eines Tages als Au-pairs in die USA reisen wollen, lasse ich sie gerne ziehen (snief). Denn eines habe ich gelernt: Es tut der Seele gut, loszulassen und neue Horizonte zu entdecken. Egal in welchem Alter. Denn die positiven Aspekte überwiegen.

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