Freitag, 13. Juni 2014

"Mama, wann gehen wir wieder nach Hause?" Third Culture Kids (TCK's dt:Dritt-Kultur-Kinder) auf der Suche nach ihren Wurzeln

Als ich mit meiner Familie in's Ausland gezogen bin, war mein Löwenjunge gerade mal 3 Jahre alt. Er ist in Sachsen-Anhalt geboren und aufgewachsen, seine 2. Heimat war aber Bayern, denn mein Mann und ich kommen von dort und wir waren sehr oft unsere Familien in der Heimat besuchen.
Interessant war damals schon, dass er immer einen Teil vermisste. 
Waren wir in Sachsen-Anhalt, hatte er Heimeh nach Bayern und wollte gerne da wohnen. Aber wenn wir ein paar Tage dann dort waren, dann wollte er auch wieder zurück nach Hause. 

Als wir dann nach Frankreich zogen, hatte er doppelt Heimweh. Einmal nach seinem Zuhause, wo er aufgewachsen war und sein Alltag und das normale Leben stattfand, aber auch nach Bayern, denn da lebten die Verwandten, unsere Freunde und deren Kinder. 

Die Eingewöhnung hier dauerte sehr lange, obwohl wir in einer der schönsten Regionen leben, das Wetter meistens besser und der Strand und das Meer nicht mal einen Kilometer von unserem Haus entfernt ist. 
Jeden Abend im Bett beim Kuscheln hörte ich das traurige "Mama, ich hab Heimweh! Wann gehen wir wieder zurück?" eines 3-jährigen. Ihr kennt wie sich das anhört, wenn 3-jährige solche Sätze mit trauriger Stimme sagen, oder? Genau, herzzerreißend!
Heute nach fast 2 Jahren freut er sich immer noch dass wir irgendwann wieder zurück nach Deutschland gehen. Aber wenn wir in Deutschland sind- genau: "wann fahren wir wieder nach Hause?"

Viele Dinge sind hier eben anders, auch wenn Frankreich "nicht aus der Welt" ist. Manches kann man zwar wie zuhause machen, aber eben nicht alles. 

Den Namen Third Culture Kid hörte ich zum ersten Mal hier in Frankreich. Es ist die Bezeichnung für Kinder und Jugendliche, die in einer anderen Kultur aufwachsen als ihre Eltern, oder aber die durch viele Umzüge in Kindheit und Jugend die Kulturen gewechselt haben. (Beispielsweise Kinder von Botschaftsangehörigen, Militärbediensteten, Lehrern, Presse/Journalismus oder Kinder deren Eltern in großen Firmen mit Auslandsvertretungen arbeiten)

Es bedeutet, dass diese Kinder ihre eigene Kultur bilden, eine Drittkultur die aus einer Mischung der elterlichen Kultur und der "neuen" Kultur in der sie nun leben, besteht. 

Ganz ehrlich hatte ich mir vor dem Umzug darüber auch nicht wirklich einen Kopf gemacht.
Von allen Seiten hörte man, dass Kinder sich da schnell eingewöhnen, dass sie in dem Alter sich eh nicht lange an die alten Dinge erinnern können und das Erlernen der fremden Sprache ein Klacks ist. 
Aber: (wie immer halt)
Jedes Kind ist eben doch anders!

Die Erinnerungen an sein altes Zuhause verblassen erst jetzt die letzten Monate. Im August werden es 2 Jahre, dass er nicht mehr dort war. Ich soll ihm jetzt immer von früher erzählen, denn so langsam könne er sich nicht mehr an die Orte dort erinnern. 
An die meisten Menschen mit denen wir unseren Alltag verbracht haben erinnert er sich aber immer noch. 


                Oder doch nicht?

Es zerreißt mich manchmal ein bisschen, denn wie auch ich, fühlt er sich manchmal mittendrin. Wir gehören hier nicht wirklich dazu, auch wenn wir hier nun Freunde/Bekannte gefunden haben- wir sind hier "die Deutschen", aber auch in Deutschland sind wir nun eben nur noch "zu Besuch" und gehören für ein paar Tage im Jahr dazu. Jeder freut sich wenn "die Franzosen" kommen, aber so richtig dazu gehört man eben auch nicht mehr, wenn man nicht mehr um die Ecke wohnt. 




Natürlich sind es auch positive Erfahrungen, die meine Kinder machen. Sie lernen eine andere Sprache, andere Sitten und Gebräuche und auch wie es ist, (und sein kann) als Ausländer in einem anderen Land zu leben. 
Als wir letztens in Deutschland waren, sind wir beim türkischen Gemüsehändler einkaufen gewesen und mein Löwenjunge wollte wissen, was für eine Sprache die sprechen. Ich sagte türkisch und ohne Wertung, nur aus Neugier wollte er wissen, warum sie sich auf türkisch unterhalten, wo sie doch nicht in der Türkei sondern in Deutschland sind.
"Na, Schatz, Du redest doch in Frankreich auch auf deutsch mit mir".
Stimmt. 

Wie es wohl wird, wenn wir wieder zurück nach Deutschland gehen? Dann ist er älter und hat mindestens seine komplette Kindergartenzeit (die man übrigens überhaupt gar nie nicht mit Deutschland vergleichen kann, aber das ist ein anderes Thema) hier in Frankreich verbracht. 
Wird er dann irgendwo und irgendwann ankommen? 

Viele TCK's (Third Culture Kids) die in ihrer Kindheit ganz oft umgezogen sind, bleiben auch im Erwachsenenalter wurzellos und sind lieber ständig woanders. Das muss natürlich kein Nachteil sein, es ist eben die normale Entwicklung wenn man nie länger an einem Ort sesshaft ist. 

Ich war ein sehr tief verwurzelter Mensch- bis ich meinen Mann kennenlernte. Und bis wir schließlich heirateten schickte ich ihn davor 2 mal in die Wüste. Ich konnte zuerst nicht mit seinem Beruf und dem Wissen ständig umzuziehen und fern der Heimat zu sein, leben. Ich liebte meine Heimat, Familie, Freunde, Job, Vergangenheit und Gegenwart an einem Ort. In die Ferne zog es mich nur auf Reisen. Aber Leben wollte ich nie woanders. 

Die Liebe siegte, ankommen möchte ich irgendwann aber trotzdem gerne wieder. Sagen können, hier bleibe ich, hier gehöre ich hin. 
Aber auch ich weiß, so ganz wie früher wird es nie mehr sein, denn man wird das "andere Leben" in der Ferne vermissen. 


Kommentare:

  1. Spannend hier zu lesen. Meine Schwester bekommt die Tage ihr erstes Kind und wird im Oktober mit ihrem französischen Partner ebenfalls nach Südfrankreich ziehen. Bin sehr gespannt, wie das Kind aufwächst, zumal die Eltern miteinander englisch sprechen. Das mit dem Heimweh kenne ich und wird wohl immer so bleiben. Auch interessant, dass Kinder das schon so stark empfinden.
    Was macht dein Mann beruflich?

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    1. Oh das wird sicher auch sehr spannend! Aber sie sprechen englisch weil sie noch nicht so gut französisch kann? Dann wird sie es sicher mal sprechen wenn sie hier lebt. Wie werden sie mit dem Kind sprechen? Ich drücke ihnen die Daumen, für dieses Abenteuer, das sicher sehr spannend wird.
      Wie geht die restliche Familie damit um?
      Liebe Grüße

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    2. Sie spricht schon französisch. Aber momentan sprechen sie englisch weil sie in der Sprache beide quasi gleichberechtigt sind. Denke auch, dass sie dann ins französische wechseln werden.
      Ich bin es von ihr gewohnt, dass sie immer wieder ins Ausland zieht. Neu ist dieses mal nur das sie ein Kind hat. Außerdem war sie noch nie in einem so nahem Ausland. Also nur eine Flug Stunde. Hoffe sie kommt möglichst oft und wir werden dann wohl unsere Urlaube dort verbringen. Hoffe sehr das ich mit der unterschiedlichen Erziehung und Kinder Betreuung klar komme also das sie wohl vieles anders machen wird und das dann okay so ist.

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  2. Meine Kinder sind beide in Frankreich geboren, aber es scheint mir auch oft, als wären wir "zwischen den Stühlen". Leben, arbeiten, Kindergarten, ja. Aber die Wurzeln sind eben doch in Deutschland. Vieles lasse ich mir mitbringen von meiner Mutter oder bestelle es hierher, damit ich das Heimweh aushalte.

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    1. Oh ja, die Postbotin war meine erste Freundin hier, weil gerade am Anfang ständig was angeliefert wurde. :-)
      Nächste Woche kommt Besuch aus Deutschland. Natürlich mit Maultaschen, Leberkäse und was uns bis dahin noch so alles einfällt.

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  3. Ups, da war der Kommentar abgeschnitten.

    Wir bleiben die, die in ein paar Jahren wieder umziehen, die eine andere Kultur haben, "zu Besuch sind". Wobei ich mich gegen die Bezeichnung "Franzosen" wehre, denn sie tut mir weh und ärgert mich.

    Das älteste Kind meines Mannes (1. Ehe, Mutter Elsässerin), zieht nächstes Jahr zum Studium nach Deutschland. Momentan macht sie ihr Abitur im Elsass. Sie meinte letzt, es wäre nicht ihre Kultur, sie suchte nach etwas, was Frankreich ihr nicht geben könnte. Sie hat ihre ersten sechs Lebensjahre im Sauerland gelebt. ;-)

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    1. Und freust Du Dich, irgendwann zurück zu gehen oder siehst Du das auch mit gemischten Gefühlen? Und Deine Kinder? Was wirst Du dann vermissen?

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  4. (Und ich hab meinen Mann auch mehrmals abblitzen lassen, bis wir geheiratet haben. Blöder Job ;-))

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  5. Da mein Bruder im wallonischen Teil von Belgien lebt und mit einer Belgierin verheiratet ist, bekomme ich auch einiges vom Leben in einer anderen Kultur mit. Und die ist schon sehr anders, vor allem was die Kinderbetreuung und Erziehung betrifft. Von daher finde ich es immer wieder sehr interessant, von deiner Sicht zu lesen. Jedenfalls drücke ich euch die Daumen, dass ihr irgendwann heimatnah eine neue Heimat findet.
    LG, Micha

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    1. Danke, liebe Micha. Ja das stimmt, in Sachen Erziehung und Kinderthemen gibt es einige (für mich manchmal krasse) Unterschiede. Aber darüber werde ich Euch auch noch einiges berichten :-)

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  6. Hallo.
    Ich hab heute zum ersten Mal hier auf dem Blog gelesen.
    Bitte schreib etwas über die französischen Kindergärten. Das Schulwesen scheint ja auch ganz anders zu sein. Und ich möchte bitte auch eine subjektive Wertung lesen.

    Meine Schwester lebt auch in Frankreich, in der Nähe der Kanalinseln. Wir hören uns leider viel zu selten, weil sie eigentlich ständig arbeitet.

    Bin auf deine nächsten Beiträge gespannt!
    LG aus der Hauptstadt
    Stefanie

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    1. Hallo Sue,
      Danke für Deine Nachricht. Ich habe eben erst Deinen neuen Kommentar hier entdeckt. Ich bin grad im Urlaub, aber es sind schon weitere Beiträge geplant, vor allem über Kindergarten und was hier eben alles anders ist, als wir das kennen.
      Liebe Grüße und danke für Dein Feedback!

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